Autor: Agnes Sawer

Kunst in der Provinz?!

Im Juli 2018 bekommt Weseke – ein Ort im westlichen Münsterland und Stadtteil von Borken – eine Kunsthalle in einer ehemaligen Bäckerei an der Hauptstraße. Initiiert und kuratiert wird der Ausstellungsort von den Künstlern Stefan Demming (Weseke) und Michael Rieken (Bremen). Bisher haben elf Künstler*innen und Teams ihre Arbeiten dort gezeigt. Zeit für eine erste Bilanz. Agnes Sawer (Kunsthistorikerin, Bochum) traf Demming und Rieken zum Gespräch.

Neuland #1: Christoph Breitmar: secure door before operating machine. failure to do so could result in serious injury.

Verein Bochum Wostspitze i.G. #wostspitze Rottstraße 15 44793 Bochum Christoph Breitmar secure door before operating machine. failure to do so could result in serious injury. 13.06.2019 – 30.06.2019 Christoph Breitmar studierte an der Bauhaus Universität Weimar und an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, war Meisterschüler bei Christian Sery. Er stellte bereits deutschlandweit und auch international aus, u.a. in Dresden, Berlin, Köln, Essen, Poznań oder Enschede. Zuletzt waren seine Werke in der Cubus-Kunsthalle und im Lehmbruck-Museum in Duisburg zu sehen. In seinen Arbeiten setzt sich Christoph Breitmar mit verschiedenen Texturen und Formen auseinander, die er zusammenführt und aufeinander bezieht:  Matte Oberflächen treffen auf glänzende Harzschichten, geometrische und architektonische Formen stoßen auf amorphe, gesprühte Partien. Diese Strukturen und Texturen generieren einen spannungsreichen Raum, der sich einerseits in die Tiefe erstreckt und andererseits an der Bildoberfläche verbleibt, wodurch die Oberflächenbeschaffenheit insgesamt in den Fokus rückt. Dieses Changieren zwischen Raum und Fläche und das Hervorkehren materieller Eigenschaften ist ebenso charakteristisch für die „Luftpolsterfolie-Serie“. Auch in diesen Arbeiten wird das Materielle – die Struktur der Folie – in Szene …

Ausstellung: Klaus Kleine: WHITE SPOTS (Kunstverein Bochum)

Klaus Kleine (*1974) studierte an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig (Meisterschüler bei Thomas Virnich) und war als Kurator an der Simultanhalle Köln tätig. Der Künstler wurde mehrfach ausgezeichnet und erhielt Stipendien, die ihn nach Venedig, Berlin und Hamburg führten. In den letzten Jahren waren seine Arbeiten unter anderem in Venedig, Düsseldorf, Köln, Gangwon (Korea) und Tel Aviv (Israel) sowohl in Einzel- als auch in Gruppenausstellungen zu sehen. In seinen Installationen setzt sich der in Köln lebende und arbeitende Künstler mit Räumen auseinander. Seine Arbeiten reflektieren reale räumliche Gegebenheiten, indem raumspezifische Eigenschaften in neue Raumgebilde überführt werden. Kleines Konstruktionen weisen sowohl architektonische als auch skulpturale Elemente auf, die ein Arrangement ergeben, das die Wahrnehmung des Rezipienten herausfordert und schärft. Für den Kunstverein Bochum entwickelte Klaus Kleine eine raumbezogene Arbeit, die den Titel WHITE SPOTS trägt. In einem Regal werden Objekte, die verschiedene Transformationsprozesse durchlaufen haben oder sich noch in einer Mutation befinden, zusammengeführt. Kleine formte aus Ton, Glas, verkohltem Holz oder Beton – alltäglichen Materialien, die auf den ersten Blick unscheinbar und unspektakulär wirken, – …

Von automatisierten Objekten und autonomen Menschen – „Garagist“ von Pätzug/Hertweck im adhoc Raum (Bochum)

Ein Garagentor schließt und öffnet sich. Immer und immer wieder. Knarzend hebt sich die Metalltür, um sich dann wieder langsam nach unten zu begeben. Kommt man ihr näher, setzt sie sich wieder in Bewegung, und so weiter und so fort. Der Clou dabei: das Tor befindet sich in einer Garage. Das Künstlerduo Irene Pätzug und Valentin Hertweck haben es hinter einem anderen Tor installiert. Das, was sich im Inneren der Garage befindet, findet im Äußeren seinen Widerhall. Innen und Außen sind somit miteinander verschränkt. Während jedoch das äußere Tor gemäß seiner Funktion den Innenraum vor dem Außenraum schützt und damit einen Raum generiert, der sich öffnet und schließt, hat das Tor im Inneren seine eigentliche Funktion verloren. Es geht hier nicht mehr um das Verbergen oder Sichtbarmachen eines Innenraumes. Im Vordergrund steht vielmehr ein automatisiertes Objekt, das einen White Cube okkupiert hat. Garagen sind Orte, die von der Außenwelt geschützt sind. Es sind Orte des Tüftelns und Arbeitens, dort werden Ideen geboren, dort entsteht Neues. Steve Jobs hat den ersten Apple-Computer in der Garage seiner …

Ibrahim Mahamas: „Coal Market“ in Herne

Das Schloss Strünkede, Wahrzeichen der Stadt Herne, ist seit einigen Wochen nicht wiederzuerkennen. Es wurde verpackt. Jutesäcke, wie man sie aus dem Gütertransport kennt, zu einer großen Stoffbahn zusammengenäht, verdecken seit Anfang Mai das Herner Schloss und verleihen dem Park ein neues Antlitz. Die monumentale Installation, die noch bis September zu sehen sein wird, ist ein Werk des aus Ghana stammenden Künstlers Ibrahim Mahama (*Tamale), dessen Arbeiten bereits auf der documenta in Kassel und der Biennale in Venedig zu sehen waren. Viele werden sich noch an Mahamas wirkmächtige Arbeit Check Point Sekondi Loco. 1901 – 2030 auf der documenta 14 erinnern. Dort hatte Mahama die Torwache der Stadt mit Jutesäcken verhüllt. Auch auf der 56. Biennale von Venedig kam Jute zum Einsatz. Mit den ursprünglich für den Transport von Kakao genutzten Säcken überzog der Künstler die Wände der Messehalle. In Accra hat Mahama unter anderem das Nationaltheater mit Jute bedeckt, in Kumasi die Kwame Nkrumah University of Science and Technology. Das Thema der Verhüllung und Enthüllung beschäftigt Künstler schon seit Jahrhunderten. In der Malerei kommen …

Ausstellung: RUHE! LICHT AUS!

Südlich des Bochumer Hauptbahnhofs befindet sich die Kunstkirche. Seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 fungiert die leer stehende Kirche – die Bänke wurden entfernt – als Ausstellungsort, an dem regelmäßig künstlerische Arbeiten gezeigt werden. Angela M. Flaig präsentierte dort Objekte aus Flugsamen, Klaus Nixdorf verspiegelte den Sakralraum und Judith Mann ließ uns durch Nebel wandern. Die Ausstellungen der Kunstkirche sind immer sehr sehenswert. So auch die am 16. Juni eröffnete Gruppenschau „RUHE! LICHT AUS!“, in deren Zentrum das Ende der deutschen Steinkohle-Ära steht. Sechzehn Künstler des bochumerkünstlerbundes haben sich mit dem Ruhrgebiet auseinandergesetzt und ihre Erinnerungen und das, was sie mit der Region verbinden, in ihre Arbeiten einfliessen lassen. Bereits der Aufbau der Ausstellung ruft Assoziationen an die Kohle hervor. Die meisten künstlerischen Arbeiten befinden sich in einem brikett-förmigen, schwarz angemalten Pavillon. Dort sind sie auf einzelne Kammern verteilt, die der Besucher über einen schmalen Pfad erreicht und teilweise auch betreten kann. Wie beispielsweise die Arbeit „Glückauf“ von Engels & Kraemer. Die Künstler haben in ihrer Kammer eine Betriebssirene aus den 40er Jahren installiert, deren Geräusch am Beginn …

„Kunst & Kohle“

Bald ist es soweit. Ende des Jahres wird die letzte Zeche in Deutschland, Prosper-Haniel in Bottrop, geschlossen und damit die Ära des Bergbaus beendet. Der Ausstieg aus der Kohle hat insbesondere für das Ruhrgebiet, das von der Montanindustrie gezeichnet ist, eine große Bedeutung. Die Spuren der Kohle haben sich hier tief in die Landschaft eingeschrieben. Diesen Spuren widmet sich das städteübergreifende Ausstellungsprojekt „Kunst & Kohle“, das die RuhrKunstMuseen gemeinsam entwickelt haben. In siebzehn Museen des Ruhrgebiets werden verschiedene künstlerische Positionen gezeigt, die sich mit dem Bergbau beschäftigen und seine Bedeutung für die Region reflektieren. Zu sehen gibt es viel, zum Beispiel zeigt das Josef Albers Museum Quadrat Bottrop Fotografien von Bernd und Hilla Becher, in Herne hat Ibrahim Mahama das Schloss Strünkede verhüllt, im Museum unter Tage in Bochum stehen Werke im Mittelpunkt, die sich mit der Farbe Schwarz auseinandersetzen. Zum Ausstellungsprojekt gibt es ein spannendes Rahmenprogramm und die Möglichkeit, an Rad- und Bustouren teilzunehmen. Weitere Informationen: https://www.ruhrkunstmuseen.com/kunst-kohle.html Bild: http://presse.ruhr-tourismus.de/images/kunst-und-kohle-1159960  

Diese Ausstellungen muss man 2018 sehen

Schon im letzten Jahr boten die Museen und Kunstvereine viele Highlights. 2018 geht es mit einem spannenden Programm weiter. Eine kleine Zusammenstellung… Wer noch nicht in Frankfurt oder Wuppertal war und sich für die Malerei des 19. Jahrhunderts interessiert, sollte schnell hin, denn die Matisse-Bonnard-Ausstellung im Städel Museum geht nur noch bis zum 14.1. und die Manet-Schau nur noch bis zum 25.2. Städel Museum, Frankfurt am Main Matisse-Bonnard. Es lebe die Malerei, 13.9.2017 – 14.1.2018 Von der Heydt-Museum, Wuppertal Edouard Manet, 24.10.2017 – 25.2.2018 Die Kunstsammlungen NRW bieten gleich zwei interessante Ausstellungen. Das K20 zeigt in Kooperation mit dem New Yorker Whitney Museum of American Art noch bis zum 8.4. eine Retrospektive der kubanisch-amerikanischen Farbfeldmalerin Carmen Herrera. Bis zum 21.1. kann man sich auch noch die Live-Performance „Staging: Solo #2 (2017) der New Yorker Künstlerin und Choreographin Maria Hassabi anschauen. K20 Grabbeplatz, Düsseldorf Carmen Herrera: Lines of Sight, 2.12.2017 – 8.4.2018 Maria Hassabi: Staging: Solo #2 (2017), 9.12.2017 – 21.1.2018 Eine umfassende Schau, die sich mit dem amerikanischen Pop Art-Künstler James Rosenquist auseinandersetzt, ist noch …

Ausstellungstipp: Degas & Rodin – Giganten der Moderne (Von der Heydt-Museum Wuppertal, 25.10.2016 – 26.02.2017)

Die Impressionisten sind wahre Publikumsmagneten. Monet, Pissarro oder Renoir erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Ausstellungen, die die Werke der modernen Künstler zeigen, fokussieren jedoch oftmals ausschließlich das malerische Œuvre – die Landschaftsszenen, Stadtbilder oder Portraits der Zeitgenossen. Dass die Künstler der Moderne auch mit anderen Medien experimentierten, zeigt die Ausstellung „Degas & Rodin – Giganten der Moderne“ im Von der Heydt-Museum Wuppertal, die das bildhauerische Œuvre Edgar Degas‘ und Auguste Rodins zeigt. Erstmalig werden hier Plastiken beider Künstler, die die Formsprache der modernen Skulptur wesentlich geprägt haben, nebeneinander gestellt. Die Gegenüberstellung der Werke soll dabei nicht lediglich die Gemeinsamkeiten beider Künstler hervorkehren. Vielmehr setzt sich die Schau das Ziel, die Charakteristika der modernen Plastik, wie sie Rodin (1840 – 1917) und Degas (1834 – 1917) hervorbrachten, anschaulich zu machen. Antiakademische Kunst Beide Künstler haben ein vielseitiges Œuvre geschaffen und experimentierten mit verschiedenen Materialien. So hat Rodin vorwiegend als Bildhauer gearbeitet, widmete sich allerdings auch der Malerei und der Zeichnung. Die Wuppertaler Ausstellung zeigt sowohl Männer- und Frauenakte als auch kleine Landschaftsbilder des Künstlers. …

Kunst in Bochum: Serras „Terminal“

Richard Serras „Terminal“ in Bochum – eine wahre Hassliebe 1979 wurde Richard Serras Plastik „Terminal“ vor dem Bochumer Hauptbahnhof installiert. Seitdem musste die Stahlkonstruktion, die seinerzeit für 350.000 Mark von der Stadt Bochum erworben wurde, viel aushalten: Proteste und kritische Stimmen, die das Kunstwerk als „Schrott“ und „entartete Kunst“ bezeichneten und Schmierereien, die sich nicht einfach abschmirgeln ließen. Vor drei Jahren bekam das in Bochum kontrovers diskutierte Werk des amerikanischen Bildhauers einen „Neuanstrich“. Es wurde komplett gesandstrahlt und so in seine ursprüngliche, walz-blanke Rohform gebracht, damit sich aufs Neue eine Rostschicht bilden kann. Die Graffitis sind weg, aber die Debatte um das Werk entbrannte in Bochum wieder aufs Neue – hysterisch wie vor 35 Jahren. Kommentare auf Facebook zur Neu-Enthüllung des Stahlkolosses zeigen, dass Serras Skulptur bei den Bochumern immer noch nicht ganz angekommen ist: „Immer noch nichts schönes.“, so eine Facebook-Nutzerin über die Skulptur. Weiter unten in der Diskussion heißt es: „Sah vorher scheisse aus und ist immer noch scheisse der schrot.“ Scheinbar wissen die Bochumer nicht so recht, was sie mit den vier …

Chiharu Shiota im K21: „A Long Day“

Wie ein Kokon umhüllt uns der mit schwarzen Wollfäden gestaltete Raum, den wir betreten. Die an Spinnennetze erinnernden Gewebe schmiegen sich an die Wände, versetzen sie in Bewegung und ziehen uns immer tiefer in die tunnelartige Öffnung, die den Raum zum Durchschreiten freigibt. In das dichte Gewirr aus Fäden ist ein Arbeitsplatz eingewoben. Ein Schreibtisch, ein Stuhl aus Holz und lauter weiße Blätter, die sich in den Netzen verfangen haben. Sie sind über dem Tisch und auf dem Boden verteilt, als hätte ein Windstoß aus dem gegenüberliegenden Fenster alles durcheinander gebracht. Die Wollstrukturen legen das dynamische Moment still und lassen uns kurz innehalten, bevor sich unser Blick wieder in dem kaleidoskopartigen Gebilde verliert. Chiharu Shiotas Fadeninstallation „A Long Day“ wurde 2015 im K21 installiert und ist zusammen mit der Arbeit „State of Being (Dress)“ in einem der Künstlerräume des Museums zu sehen, die regelmäßig von verschiedenen Künstlern bespielt werden. Die japanische Künstlerin, die seit den neunziger Jahren in Berlin lebt und arbeitet, ist für ihre raumübergreifenden Fadeninstallationen bekannt, in die sie Dinge des Alltags einwebt. …